Schritt für Schritt: So arbeiten Sie mit dem RadSim-Dashboard, erstellen Szenarien, simulieren Maßnahmen und interpretieren Ergebnisse.
Die RadSim-Webanwendung ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts der TU Dresden, das im Rahmen des Förderprogramms „Nationaler Radverkehrsplan 3.0“ durchgeführt wurde. Ziel von RadSim ist die Analyse der Routenwahl im Radverkehr in verschiedenen deutschen Kommunen und die Entwicklung eines Tools, das die Bewertung von Maßnahmen zur Förderung des Radverkehrs ermöglicht. Die Webanwendung unterstützt Kommunen dabei, die Nutzung des Radverkehrsnetzes und die Auswirkungen von Infrastrukturänderungen auf die Routenwahl besser abzuschätzen.
RadSim wurde entwickelt, um Kommunen bei der Radverkehrsplanung zu unterstützen. Die Webanwendung hilft dabei, die Auswirkungen geplanter Maßnahmen (bspw. neue Radwege, veränderte Führungsformen, Sperrungen oder Änderungen der Oberflächen) zu simulieren. Dies hilft bei der Bewertung und Priorisierung von Maßnahmen und soll eine gezielte und effiziente Förderung des Radverkehrs ermöglichen.
RadSim richtet sich an Kommunen, Planungsbüros, Forschungseinrichtungen, Vereine, NGOs und weitere Akteure der Radverkehrsplanung.
Die Anmeldung erfolgt über die folgende Seite: https://radsim.de/
Mit RadSim können unterschiedliche Infrastrukturmaßnahmen untersucht und bewertet werden. Dazu gehören insbesondere:
Änderungen an Netzeigenschaften wirken sich auf die Bewertung der Infrastruktur durch die Radfahrenden aus. Für bestehende oder neu angelegte Wege können verschiedene Netzattribute angepasst werden. Das sind die Folgenden:
Bestehende Radrouten können angepasst und neue Radrouten angelegt werden. Radrouten lassen sich über den Anzeigemodus „Radrouten“ (links unten in der Anwendung) einblenden und bearbeiten.
Mit der Funktion „Neuen Weg anlegen“ können Sie neue Wege in das bestehende Netz einfügen und entsprechende Eigenschaften hinterlegen. Der erste und der letzte Anschlussknotenpunkt eines neuen Weges muss jeweils auf einem bestehenden Netzknoten liegen, damit die Verbindung korrekt in das Netz integriert wird. Die möglichen Punkte werden in dem Tool angezeigt.
Zwischen diesen beiden Punkten können Sie beliebig viele (Zwischenknoten-)Punkte setzen, um den Verlauf des Weges abzubilden. Klicken Sie dafür auf freie Flächen, die ausreichend Abstand zu bestehenden Netzkanten (Wegen) haben. Falls die Meldung erscheint, dass ein gewählter Punkt zu nah an bestehenden Netzkanten liegt, zoomen Sie weiter in die Karte hinein und setzen Sie den Punkt erneut.
Das Basisnetz basiert auf Netzdaten aus OpenStreetMap (OSM) und wird aus diesen Daten erstellt. Wenn die Eigenschaften des Netzes (z. B. Führungsformen o. ä.) nicht mit der Situation vor Ort übereinstimmen, dann können Sie das Basisnetz direkt in RadSim anpassen. Hierzu können Sie beispielsweise:
Änderungen am Basisnetz werden automatisch in allen darauf aufbauenden Szenarien berücksichtigt. Dadurch müssen Anpassungen nur einmal vorgenommen werden und stehen anschließend für alle Szenarien zur Verfügung.
Änderungen am Basisnetz werden nicht automatisch an OpenStreetMap (OSM) übertragen. Das Basisnetz dient der möglichst realitätsnahen Abbildung des Netzzustands, beruht aber auf einem zu einem bestimmten Zeitpunkt importierten OSM-Datenstand (z. B. 2024). Da OSM laufend weiterentwickelt und aktualisiert wird, unterscheidet sich das Basisnetz also zwangsläufig von der aktuellen OSM-Version (z. B. 2026). Eine automatische Rückübertragung wäre deshalb fachlich und organisatorisch problematisch: OSM-Beiträge müssen den vor Ort überprüfbaren Zustand abbilden, nachvollziehbar sein und dürfen nicht ungeprüft aus externen Systemen oder systematischen Bearbeitungsprozessen übernommen werden. Größere, automatisierte oder koordinierte Änderungen an OSM erfordern zudem Dokumentation, Prüfung und Abstimmung mit der OSM-Community. Korrekturen, die tatsächliche Fehler in OSM betreffen, sollten daher separat und bewusst in OSM geprüft und eingetragen werden.
Die RadSim bietet verschiedene Möglichkeiten, die Ergebnisse der Kartenansichten und Netzdaten zu exportieren. Diese sind:
Die exportierten Geodaten enthalten für jeden Netzabschnitt folgende Informationen:
Da das Shapefile-Format Feldnamen auf maximal 10 Zeichen begrenzt, werden Netz- und Szenarionamen beim Export automatisch gekürzt.
RadSim verwendet Daten aus OpenStreetMap (OSM) als Grundlage für die Verkehrsnetze sowie Quelle-Ziel-Matrizen zu den während der Aktion STADTRADELN aufgezeichnete Fahrten. Diese Daten wurden von der TU Dresden aufbereitet, plausibilisiert, teilweise aggregiert und anonymisiert.
Die zugrunde liegenden GPS-Daten stammen aus dem Jahr 2024 und wurden im Rahmen der STADTRADELN-Kampagne erhoben. Um eine einheitliche und konsistente Datengrundlage für alle Kommunen zu gewährleisten, wurden die OpenStreetMap-Daten (OSM) mit dem Stand vom 1. Januar 2024 verwendet.
Die Aufbereitung der Daten im Projekt RadSim erfolgt in mehreren systematischen Schritten, um eine qualitativ hochwertige und belastbare Grundlage für die Analyse und Simulation der Routenwahl im Radverkehr zu schaffen. Dabei werden sowohl die Verkehrsnetzdaten als auch die Nachfragedaten (Radfahrten) umfassend bearbeitet, bereinigt und angereichert. Die wichtigsten Schritte und eingesetzten Methoden sind:
Die Verkehrsnetzdaten bilden die Grundlage für die Simulation und Analyse der Routenwahl. Aufgrund der hohen Qualität und Aktualität der OSM-Daten, insbesondere in Deutschland, werden diese als zentrale Datengrundlage verwendet. Die OSM-Netzdaten werden um weitere relevante Attribute wie Steigung und Landnutzung ergänzt.
Um simulationsrelevante Infrastrukturkategorien (z. B. Fahrradstraßen, Schutzstreifen, Mischverkehr) aus den OSM-Daten zu extrahieren, wurde ein standardisierter Abfrageworkflow entwickelt (Łukawska et al., 2026).
Die während der SR-Kampagne erhobenen GPS-Daten wurden in mehreren Schritten aufbereitet, um sie für die Analyse und Simulation der Routenwahl zu nutzen. Die Rohdaten werden mittels eines Algorithmus aufbereitet und bereinigt. Dabei werden fehlerhafte oder unplausible Datenpunkte entfernt und strenge Kriterien angewendet, um zielgerichtete Alltagsfahrten zu identifizieren (siehe Lißner & Huber, 2019).
Anschließend werden Routendaten mithilfe eines angepassten Hidden-Markov-Modells (HMM; Newson & Krumm, 2009) mit den OSM-Daten verknüpft, was eine präzise Zuordnung der Fahrten zu den Netzkanten, und damit eine Berechnung der Routeneigenschaften, ermöglicht.
Für die Analyse und Simulation müssen realistische Routenalternativen erzeugt werden. Dazu wurde eine eigene Routing-Engine entwickelt, die unterschiedliche Netzattribute (z. B. Radverkehrsführungsformen) berücksichtigt und unrealistische Ergebnisse vermeidet (inspiriert von Camvit, 2009; Bader et al., 2011). Zusätzlich werden die am häufigsten gewählten Routen zwischen Quellen und Zielen integriert, um die Inklusion der relevanten Routen sicherzustellen.
Die Routen und ihre Alternativen werden mit einer Vielzahl von Eigenschaften angereichert, die für die Bewertung und Simulation notwendig sind. Diese sind:
Die STADTRADELN-Kampagne findet jährlich deutschlandweit statt und umfasst über einen Zeitraum von drei Wochen mehr als 3.000 teilnehmende Kommunen. In den vergangenen Jahren haben bundesweit jährlich mehr als eine Million Radfahrende an der Kampagne teilgenommen.
Obwohl die Teilnahme am STADTRADELN freiwillig ist und die Aufzeichnung gefahrener Radrouten die Nutzung eines Smartphones voraussetzt (was potenziell zu Selbstselektions- und Abdeckungsverzerrungen führen kann), decken die Teilnehmenden ein breites Spektrum soziodemografischer Gruppen sowie verschiedener Wegezwecke ab. Die erhobenen GPS-Tracks haben sich als belastbare Grundlage zur Abbildung räumlicher Muster des Radverkehrs für Planungsanwendungen erwiesen (Richter et al., 2024; Lißner et al., 2025). Die Stichprobe ist daher als eine große Stichprobe alltäglicher Radfahrender und nicht als repräsentative Stichprobe der Gesamtbevölkerung zu interpretieren.
Für die Analyse und Simulation der Routenwahl wird ein ökonometrisches Modell – das Multinomial Logit-Model (MNL), ein in den Verkehrswissenschaften etabliertes Verfahren zur Modellierung von Wahlentscheidungen – genutzt. In einem ersten Schritt wird dabei in einer statischen Analyse ermittelt, welche Eigenschaften zu einer Wahl oder Abwahl einer Route führen und wie stark sich dies Eigenschaften (Attribute) auf die Auswahlwahrscheinlichkeit auswirken. Dabei werden eine Reihe von Eigenschaften betrachtet (siehe „Attribuierung der Routen“), die sich auch in der Webanwendung wiederfinden.
Das resultierende Analysemodell (bzw. seine Koeffizienten) kann anschließend für die Modellierung bzw. Simulation genutzt werden. Mit ihm kann berechnet werden, welche Route Radfahrende zwischen einem Start- und Zielpunkt voraussichtlich wählen. Für jede Quelle-Ziel-Beziehung werden dabei mehrere mögliche Routenalternativen erzeugt und anhand ihrer Merkmale bewertet. Das Modell vergleicht die möglichen Routenalternativen auf Basis ihrer Eigenschaften und berechnet für jede Alternative eine Auswahlwahrscheinlichkeit. Die resultierenden Wahrscheinlichkeiten werden anschließend genutzt, um die Radverkehrsnachfrage auf das Netz umzulegen (Verteilung der Fahrten aus der Quelle-Ziel-Matrix auf die Alternativen).